In den Köpfen vieler Menschen wird der Einsatz von Scrum und Kanban auf Softwareentwicklung eingeschränkt, zumindest jedoch auf Tätigkeiten innerhalb der IT-Abteilung. Dabei ist sogar bei Wikipedia schon Folgendes nachzulesen: “Scrum/Kanban is an iterative, incremental methodology for project management often seen in agile software development”. “Often seen, but not limited to” denke ich mir dabei immer. Nichtsdestotrotz werde ich bei Vorträgen und Workshops immer wieder mit diesem Vorurteil konfrontiert und bringe dann gern das Beispiel, wie man durch eine agile Vorgehensweise sogar Kinder dazu bringen kann, sich begeistert an der Endreinigung einer Ferienwohnung zu beteiligen.
Kennt Ihr das? Letzter Tag in der Ferienwohnung, alles muss saubergemacht werden, Koffer müssen gepackt werden, … Alle sind irgendwie gestresst, weil der Urlaub vorbei ist und auch noch mit Stau auf der Autobahn zu rechnen ist. Und in all dieser Unruhe wuseln auch noch die Kids rum, spielen Fangen, lümmeln sich auf dem schon abgesaugten Sofa und sind renitent gegen jede Form der Hilfeanforderung: Eltern: “Paul, bringst Du bitte mal den Müll raus?“. Paul: “Kann Pauline das nicht machen? Ich spiele gerade mit meinem Nintendo“. Pauline: “Ich habe schon das ganze Spielzeug eingeräumt“. Eltern: “Paul? Paul! Renn nicht mehr mit Schuhen durchs Wohnzimmer, wir haben hier schon gestaubsaugt!“. Der Stresspegel steigt proportional zur Ordnung, denn je mehr Ordnung geschaffen wird, desto eingeschränkter sind die Kids in ihrem Bewegungsdrang, desto mehr machen sie falsch und desto gestresster sind die Eltern.
Ist das denn notwendig?
Nein, ist es nicht. Wir fahren mit der Familie oft in eine Ferienwohnung an der Nordsee. Diese Wohnung gehört Oma und Opa und da sie nicht vermietet wird, sondern nur von der Familie genutzt wird, hat jeder ein besonderes Interesse daran, sie so zu hinterlassen, dass die nachfolgenden Besucher sich sofort wohlfühlen. Nachdem wir die oben beschriebene Situation in ähnlichen Formen erlebt haben, haben wir uns eine spielerische Form des Aufräumens überlegt, die die Kinder einbindet und sogar noch Spaß macht.
Am Vorabend der Abreise haben wir uns alle zusammengesetzt und uns die Frage gestellt: “Was müssen wir morgen alles tun, damit Oma und Opa sich wohlfühlen, wenn sie nächste Woche herkommen?”. Die Kinder waren begeistert bei der Sache, durften sie die Liste (das Sprint Backlog) doch aktiv mitgestalten. Es kamen Punkte wie “Müll rausbringen”, “Kinderzimmer aufräumen”, “Wohnzimmer staubsaugen”, “Kühlschrank leeren”, “Heizung abstellen” und viele mehr. Jeden einzelnen Punkt haben wir auf PostIts geschrieben. An der Wohnzimmertür haben wir dann mit Kreppband ein Taskboard angelegt und die PostIts in die linke Spalte (“Offen”) geklebt. Da wir lediglich einen etwa zweistündigen Sprint vor uns hatten und alles erledigt werden musste, haben wir die PostIts nicht nach Wichtigkeit, sondern nach zeitlicher Reihenfolge sortiert (z.B. “Müll rausbringen” ganz unten, weil durch die anderen Tätigkeiten noch Müll anfallen konnte).
Am nächsten Vormittag ging es dann los. Jeder sollte sich beteiligen, indem er sich von oben ein PostIt nahm, es in die Spalte “in Arbeit” klebte, seinen Namen draufschrieb und die Aufgabe einfach erledigte. Zugegeben, ein bisschen musste man aufpassen, dass die Kinder kein Cherry-Picking betrieben (“Ooops, Spülmaschine einräumen steht ganz oben … ich geh’ erstmal auf die Toilette, vielleicht hat dann schon jemand damit angefangen und ich kann staubsaugen”, aber im Endeffekt ging es ja darum, sie aktiv und mit Spaß einzubinden. Und das hat funktioniert. Wenn die Aufgabe erledigt war, klebte man das PostIt in den Status “erledigt” und nahm sich ein neues. Nach etwa 1,5 Stunden waren wir mit allen Arbeiten fertig, knapp eine Stunde früher als gewohnt. Die Kinder hatten Spaß dabei, die Eltern waren sehr viel entspannter als sonst und die Qualität des Ergebnisses stand unseren früheren Endreinigungen in nichts nach.
Als wir die Kinder direkt nach der Aktion nach ihrer Meinung dazu gefragt haben, kam sinngemäß “Naja, war ganz ok”. Als wir allerdings Wochen später mal bei Oma und Opa zum Sonntagsessen eingeladen waren, brachten die Kinder das Gespräch von ganz allein auf diese Aufräumaktion und haben davon geschwärmt, wieviel Spaß es doch gemacht habe. Wir haben uns zurückgelehnt und leise in uns hineingelächelt.
Demnächst steht der nächste Aufenthalt in der Ferienwohnung an. Wir werden die Endreinigung wieder ähnlich gestalten, vorher aber eine (vorher vergessene) Retrospektive durchführen und alle Beteiligten nach Verbesserungsvorschlägen fragen. Ich bin gespannt …
1 Kommentar zu Agile Endreinigung
Oma und Opa (s. Artikel !)
20.10.2010
Diese Lösung ist für uns viel zu spät gekommen.
Sie hätte vor ca. 30 Jahren kommen sollen.
Ich versuche es bei der Oma anzuwenden.
Gruss Opa und Oma