Agile Werte Retrospektive

19.03.2012

Manchmal ist es erforderlich und hilfreich, die agilen Prinzipien und Scrum Werte erneut in das Bewusstsein des Scrum Teams zu rücken. Justin Hennessey hat dazu kürzlich einen Beitrag verfasst. Darin schreibt er, dass es wichtig ist, sich dann und wann auf die agilen Werte zu besinnen. Ob nun ein „Reset“ bei einem Team, welches schon länger zusammenarbeitet oder bei einem jungen Team, dass die agilen Werte noch nicht verinnerlicht hat. Es kann verschiedene Gründe geben, um über die agilen Werte und Prinzipien zu sprechen. Die Besinnung, bspw. in einer Retrospektive, unterstützt ein Scrum Team dabei wertbasiert zu agieren. Die Retrospektive zeigt allen auf, welche Werte in welcher Ausprägung gelebt werden. Die Grundidee dieser Retrospektive entstammt von John Miller und kann immer wieder in Abständen angewandt werden.

Im Folgenden möchte ich eine Retrospektive von ca. 60 Minuten vorstellen, wie ich sie mit einem Team von 8 Personen durchgeführt habe. Für die Durchführung von Retrospektiven verwende ich das Schema von Esther Derby und Diana Larsen. Dieses teilt das Event in fünf Phasen ein.

Startphase

Zu Beginn ist es sinnvoll kurz zu erörtern, warum diese Art der Retrospektive gewählt wurde. Nach der kurzen Einleitung und der Überprüfung der Agenda werden die Teilnehmer mit der Bitte um die Beantwortung einer Frage, auf das Thema eingestimmt. Diese Aktivität heißt „Check-in“ und verlangt von den Teilnehmern die Beantwortung einer Frage in einem kurzen Satz oder wenigen Wörtern. Beispielsweise sind die Anwesenden aufgefordert, die Frage „Nenne kurz ein Beispiel, welches agile Prinzip du im letzten Sprint angewendet hast?“ oder „Sage in wenigen Worten, was du dir von der Retrospektive erhoffst?“ der Reihe nach zu beantworten.

Nachdem die Runde beendet ist, kann zum eigentlichen Thema übergeleitet werden. Es ist am Anfang hilfreich einen Exkurs mit dem Team zu machen und noch einmal die 12 Prinzipien des Agilen Manifests vorzustellen. Dies kann auch spielerisch gestaltet werden, indem man zusammen die agilen Prinzipien anhand von praktischen Beispielen entdeckt. Auf jeden Fall sollte die Teilnehmer aktiv mit einbezogen werden. Wichtig ist es hier, auf den Zeitrahmen zu achten.

Informationen zusammentragen und Einsichten generieren

Nach dieser Einführung kann nun auf die Team Werte wie bspw. „Focus“, „Commitment“, „Respect“, „Openness“ und „Courage“ eingegangen werden. Der Scrum Master fängt danach an, einen Wert zu nennen und in die Runde zu fragen „Was meint ihr, wie leben wir diesen Wert?“ Danach bittet er die Teammitglieder anhand von Planning Poker Karten oder mit Anzeigen von Fingern diesen Wert einzuschätzen. Wenn es bei der Bewertung große Abweichungen gibt, dann sind die beiden am weitesten auseinander liegenden Bewertungen (beispielsweise 5 und 1) danach zu fragen, warum sie den Wert so einschätzen. Hier kann man die Diskussion ein wenig laufen lassen. Nachdem nun die anderen Teammitglieder diese Informationen hören konnten, wird die Einschätzung des Wertes wiederholt. Soweit es immer noch minimale Abweichungen gibt (zum Beispiel zwischen 4 und 5) sollte der niedrige Wert genommen werden. Der Scrum Master notiert nun das Ergebnis am agilen Wert. Dies wird nun für jeden agilen Wert durchgespielt, bis alle Werte vom Team eingeschätzt wurden.

Durch das Schätzverfahren kommt man recht schnell zu einem Ergebnis und Konsens innerhalb der Gruppe. Richtig spannend sind jedoch die Diskussionen und Wahrnehmungen der einzelnen Teilnehmer. Diese geben dem Scrum Master wertvolle Hinweise über den Fortschritt seiner Arbeit und die Gelegenheit, Schwachpunkte oder Verständnisprobleme zu lokalisieren und Stärken des Teams zu unterstützen.

Entscheidung herbeiführen

Nach dieser Runde, stellt der Scrum Master dann die Frage „Welchen dieser Werte wollt ihr bis zur nächsten Retrospektive verbessern?“ Auch hier kann man sich wieder einer einfachen Abstimmung per Handzeichen bedienen oder ein Bewertung durch Punkte vornehmen. Nachdem feststeht, welcher Wert angegangen werden soll, stellt der Scrum Master dem Team folgende Frage „Was ist die eine konkrete Verbesserung, die ihr euch vornehmen wollt?“

Es geht hier wirklich um die Besinnung auf die Auswahl einer Aktivität. Es steht dem Team jetzt Zeit zur Verfügung, die Themen zu diskutieren und die Verbesserung zu überlegen. Am Ende sollte das Ergebnis ein Statement sein, welches in die Form

„Wir glauben an den Wert [X] und nehmen uns daher vor [was wir tun wollen].“

Das Team Statement sollte nun vom Team unterschrieben werden und federführend ein Freiwilliger für das Vorantreiben der Realisierung gefunden werden.

Endphase der Retrospektive

Am Ende der Retrospektive sollten die gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst und das Team um Feedback zur Retrospektive gebeten werden. Für das Resümee pointiert der Moderator die wichtigsten Punkte der Diskussionen, die er sich im besten Fall während der Abstimmungsdiskussion notiert hat. Das festgelegte Statement des Teams wird später im Teamraum sichtbar aufgehängt. Auch alle anderen Werte finden dort Platz. Die Informationen zu den Agilen Prinzipien können zusammengefasst an die Teilnehmer zu Informationszwecken, inklusive der Erkenntnisse aus den Diskussionen, versendet werden.

Autor: Robert Wiechmann

Robert Wiechmann arbeitet als Agiler Projektmanager vorrangig in der Rolle als Scrum Master und Kanban Coach. Zu seiner Leidenschaft zählen die Arbeit mit Menschen, insbesondere der Aufbau von produktiven Agilen Teams und die praktische Anwendung von Agilen Softwareentwicklungsmethoden. Zusammen mit Sven Röpstorff verfasste er das Buch Scrum in der Praxis.

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