Der agile Schnuller

Letzten Freitag habe ich eine Situation erlebt, die bei mir interessante Gedankengänge ausgelöst hat und die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, muss ich zunächst mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem Bus zum Bahnhof fahren, um dort den Zug nach Hamburg zu nehmen. An diesem Wochenende wollte ich zum Agile Coach Camp Germany 2011. Da ich am Freitagvormittag noch arbeiten musste, wollte ich an diesem Tag also den Bus zum Bahnhof nehmen.

Die Bushaltestelle ist ungefähr 400m von meinem Haus entfernt und ich kann sie beinahe sehen, wenn ich das Haus verlasse. Ich war sehr erstaunt, dass ich einen Bus vorbeifahren sah, kaum dass ich aus dem Haus kam, denn der Bus sollte erst in zwei Minuten kommen. In der Hoffnung, dass es sich um den verspäteten Schulbus handelte, bin ich also schnell zur Haltestelle gegangen, um dort festzustellen, dass es in der Tat mein Bus war, der zwei Minuten zu früh gefahren ist. Ich war ziemlich sauer, formulierte im Kopf schon das Beschwerdeschreiben, das ich an die Busgesellschaft schicken wollte und wühlte in meiner Hosentasche nach meinem Handy, um mir die genaue Zeit zu merken. Dabei fand ich einen Schnuller meiner zweieinhalbjährigen Tochter und bei dem Gedanken an sie verdampfte mein Ärger plötzlich im Nichts.

Ich habe an meine Tochter gedacht, wie sie spielt, Dinge entdeckt, Sachen ausprobiert, alle nicht-physischen Grenzen ignoriert. Ich habe mich in sie hineinversetzt, wie sie die Welt mit ihren Kinderaugen sieht. Solange Mama oder Papa einen nicht davon abhalten, irgendetwas zu tun, tut man es einfach, weil es eben interessant scheint und man neugierig ist. Und wenn die beschützenden Eltern mal nicht schnell genug sind, tut man plötzlich etwas, was man nicht machen sollte, aber man lernt eine Menge dabei. Entweder, weil die Eltern plötzlich extrem hektisch werden oder weil die Vase vom Tisch fällt, den Boden flutet und einem nasse Füße beschert. Die einzigen nicht-physischen Grenzen, die meine Tochter kennt sind die, die wir ihr beigebracht haben.

Ich habe dieses Bild vor meinem geistigen Auge auf meine Arbeitsumgebung übertragen. Während unseres ganzen Lebens wird uns beigebracht “Mach das nicht!“, “Das ist verboten!“, “Mach das so …“. Anfangs sind es unsere Eltern, später sind es Lehrer, Chefs, Kollegen. Und weil wir das Gehorchen gewohnt sind, hinterfragen wir diese Einschränkungen in der Regel nicht. Wenn man aber mal darüber nachdenkt, wird man feststellen, dass viele von der Art “Das haben wir schon immer so gemacht” (übersetzt: “Wir kennen nur diesen einen Weg“) oder “Das ist eine Unternehmensentscheidung” (übersetzt: “Irgendwer hat das mal gesagt“) sind.

Die erste Art bedarf keiner weiteren Erklärung, für die zweite habe ich ein kleines Beispiel:
Ich habe in einem Projekt gearbeitet, das unter anderem die Versorgung mit Testdaten für Entwickler und Tester verbessern sollte. Zu Beginn des Projektes sagte jemand “Wir dürfen keine Produktionsdaten benutzen, wir müssen uns synthetische Daten generieren. Das ist eine Unternehmensrichtlinie, das ist schon seit Jahren so.” Nun hatten wir kürzlich einen neuen CTO bekommen, der, konfrontiert mit dieser Behauptung sagte: “Was für ein Schwachsinn, natürlich dürfen wir Produktionsdaten benutzen. Sprecht mit der Rechtsabteilung über die rechtlichen Vorgaben, stellt sicher, dass wir sie einhalten und seht zu, dass Ihr mit dem Projekt weiterkommt“. Und siehe da, genauso war es.

Wenn ich mit Teams arbeite, ermutige ich sie immer, vermeintliche Einschränkungen nicht als in Stein gemeisselt zu betrachten, sondern sie erstmal zu hinterfragen. Um den Bogen zum Beginn dieses Artikel zu spannen: Ermutigt Eure Teams, die inneren Barrieren in ihren Köpfen einzureissen. Fordert sie auf, die Welt mit Kinderaugen zu sehen: Alles ist möglich, nichts ist verboten bis jemand mit der entsprechenden Berechtigung kommt und es explizit sagt. Und manchmal macht es auch Sinn, ein anderes Verhalten von Kindern zu kopieren: Macht etwas, obwohl es nicht erlaubt ist (Ihr könnt ja behaupten, Ihr hättet es nicht gewusst). Manchmal muss man eben Grenzen überschreiten, um Menschen die Augen zu öffnen.

Wie Ihr seht, hat dieser kleine Schnuller in meiner Tasche bei mir eine wahre Kettenreaktion von Gedanken ausgelöst und mich sogar inspiriert, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Ich habe den Schnuller zu meinem Talisman für das Agile Coach Camp deklariert. Mein besonderer Dank gilt @marcphilipp, der mich sogar zu einer Session über den Schnuller inspiriert hat.

Was ist Euer agiler Schnuller?

 

 

 

 

 

Autor: Sven Röpstorff

Sven Röpstorff arbeitet freiberuflich als agiler Projektmanager und Coach mit über 16 Jahren Berufserfahrung. Mit seinen Teams probiert er gern neue Wege und Methoden, um sich und sein Umfeld stets weiter zu verbessern. In seinen Vorträgen und Workshops bringt er den Menschen agile Vorgehensweisen auf interessante und spielerische Weise nahe und macht sie somit sichtbar, fühlbar, erlebbar.

2 Kommentare

  1. Schöner Text, danke für die Gedanken!

  2. Moin,

    gern geschehen. Freut mich, dass Du den Text magst.

    Grüße,
    Sven