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Die magische Schätzmethode

22.11.2009

Neben dem von Sven kürzlich vorgestellten Team Estimation Game, möchte ich heute noch eine weitere Herangehensweise vorstellen, die mir zu Ohren gekommen ist und eine zügige initiale Schätzung des gesamten Product Backlogs möglich machen soll: Magic Estimation.

Gerade beim Start eines neuen Projektes ist es häufig wichtig, schnell zu einer Aussage über den Zeitaufwand für die zu entwickelnden Funktionalitäten zu kommen. Vor dem ersten Sprint sollten daher ausreichend Backlog Items für mindestens 1-3 Sprints im Backlog vorhanden und priorisiert sein, um diese vom Team schätzen zu lassen.

Das Estimation Meeting

Das Meeting läuft (nach Bedarf) regelmäßig nach folgendem Schema ab:

  • Der Product Owner hat ein Ziel für das Meeting, welches er dem Team anfänglich verdeutlicht.
  • Zudem werden die Backlog Items vom Product Owner vorgestellt, die er schätzen lassen möchte.
  • Das Team schätzt anhand der Planning Poker Cards nacheinander die einzelnen Storys. Dabei kann das Team sich unterhalten und den Product Owner mit Fragen löchern, um die für die Schätzung relevanten Informationen zu erhalten. Durch die Konversation untereinander werden häufig erste Lösungsansätze zu den einzelnen Storys diskutiert.
  • Liegen die Schätzungen einzelner Teammitglieder auseinander, argumentieren diejenigen mit der niedrigsten und höchsten Schätzung, warum sie ihre Schätzung gewählt haben.
  • Danach wird die Schätzung nochmals wiederholt und bestenfalls eine Übereinstimmung erzielt. Wenn nicht, kann dieser Teil max. zwei Mal wiederholt werden. Sollte danach immer noch keine Einigung herbeigeführt werden können, wird das Item zurückgestellt.
  • Der Scrum Master stellt sicher, dass nicht mehr als zehn Minuten pro Item aufgewendet werden und das Meeting in angenehmer und zielorientierter Weise verläuft.
  • Das Schätzmeeting sollte nicht länger als 1,5 Stunden dauern und findet nach Bedarf wöchentlich statt.

Wie anfänglich erwähnt, wird bei Projektstart häufig eine Plangröße verlangt, die einen Überblick über die Dauer des Projektes ermöglicht. Hier wird die Schwachstelle des Estimation Meetings deutlich. Um das gesamte Backlog schätzen zu lassen, würde es einige Termine benötigen, da alle Backlog Items vom Product Owner vorgestellt und anschließend diskutiert werden.

Um eine Schätzung von möglichst vielen Backlog Items zu erreichen, habe ich von einer abgewandelten Methode gehört, die schneller zu einer initialen Schätzung des gesamten Backlogs führen soll.

Die “Magic Estimation” Technik

Abweichend vom obigen Vorgehen geht man beim Magic Estimation folgendermaßen vor:

  • Der Product Owner fässt noch einmal das große Bild zusammen und stellt dann alle Backlog Items einzeln vor.
  • Der Product Owner druckt vor dem Meeting die einzelnen Backlog Items auf ein Blatt Papier aus. Die Blätter werden auf dem Boden verteilt.
  • Alle Teammitglieder haben nun nacheinander innerhalb von 10-15 Minuten die Möglichkeit, ihre Schätzung für alle Items auf dem Boden abzugeben. Die Schätzung kann durch das Auflegen von Poker Cards erfolgen oder der Einfachheit halber, wird auf dem Blatt die Schätzung notiert.
  • Die Teammitglieder können bei Unklarheiten beim Product Owner nachfragen. Sie besprechen sich jedoch nicht untereinander, sondern nehmen nur die ausgetauschten Informationen auf.
  • Der jeweilige Nachfolger kann die Schätzungen des Vorgängers entsprechend herauf- oder heruntersetzen. Stimmt er mit der Schätzung des Vorgängers überein, bleibt diese unberührt. Nachdem das letzte Teammitglied seine Schätzung abgegeben hat, wird diese Schätzung in das Backlog übernommen.
  • Das Schätzmeeting sollte je nach Teamgröße nicht länger als 2 Stunden dauern.

magican Als Voraussetzung für diese Technik sind gut geschnittene Backlog Items und ein gefülltes Product Backlog hilfreich. Hierbei kann der Scrum Master dem Product Owner im Vorfeld unterstützend zur Seite stehen und vorab die Backlog Items besprechen. Zudem sollte das Team vor dem Meeting in das Backlog sehen. Ein wichtiger Grundstein und ein Muss vor dem Start des Projekts ist die Kenntnis des roten Fadens, dem Big Picture – der Vision. Unter diesen Bedingungen fällt es einem erfahrenen Team leichter Schätzung abzugeben.

Mit dieser Technik lassen sich mit relativ geringem Zeitaufwand (siehe dazu die Meinung von Jeff Anderson) aussagekräftige Schätzungen erstellen. Dabei geht es nicht um Präzision, sondern lediglich um eine erste Einschätzung. Soweit es ein bestehendes Scrum Team gibt, können anhand der bekannten Velocity ausreichend gute Ergebnisse erzielt werden. Diese können in den nachfolgenden Estimation Meetings überprüft und bei Bedarf wiederholt werden.

Mir ist die Magic Estimation Technik selber nur theoretisch vorgestellt worden. Wer die Technik schon in dieser (oder abgewandelter) Form angewandt hat, ist eingeladen hier seine Erfahrungen zu teilen.

Tipp: Nebenbei erwähnt, habe ich auch gute Erfahrungen mit der Herabsetzung der Schätzzeit von 10 Minuten auf 3-5 Minuten während des regelmäßigen Estimation Meetings machen können. Gerade für erfahrene oder eingespielte Scrum Teams funktioniert dies sehr gut. Probieren Sie es doch mal aus.

Welche weiteren Tipps für das Estimation Meeting kennen Sie noch bzw. welche Erfahrungen haben Sie machen können?

Über den Autor

Momentan als Projektmanager und Agiler Coach in Hamburg tätig, unterstütze ich Scrum und Kanban Teams bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Herausforderungen. Zudem bin ich mit dem Coaching von Mitarbeitern betraut und laufend bestrebt, in den Austausch mit Anwendern agiler Methoden zu treten.

  • Kategorie: Agile Softwareentwicklung|Scrum
  • Schlagworte: Anregungen, Backlog, Beginn, Estimation, Hinweise, Meeting, Methode, Planning, Planung, Product Owner, Projekt, Prozess, Schätzung, Start, Team, Tipps, User Story
  • Autor: Robert Wiechmann

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