Product Owner im Potrait: Niklas Sum

09.01.2012

Den ersten Artikel des Jahres widmen wir Niklas Sum, der momentan als Product Owner bei www.betterplace.org tätig ist. Nach seinem Studium der Betriebswissenschaft arbeitete er bis 2009 bei SportScheck in München. Seit Januar 2010 unterstützt er das Produktmanagement bei betterplace.org in Berlin. Privat ist der Umweltschutz eines der zentralen Anliegen von Nicklas, der unter anderem das Projekt www.energie-ohne-zukunft.de auf die Beine gestellt hat. Als Product Owner ist er dort für die Weiterentwicklung der Website zuständig, an der täglich mit einem Scrum Team gearbeitet wird. Niklas beschreibt im Interview, wie sein Tagesgeschäft bei betterplace.org aussieht, welche Herausforderungen auf ihn warten und gibt hilfreiche Tipps, die für die Arbeit in der Rolle als Product Owner hilfreich sind.

Steckbrief

  • Name: Niklas Sum
  • Alter: 25
  • Angestellt als: Produktmanager
  • Product Owner Rolle seit: 2011
  • Berufserfahrung gesamt: 2,5 Jahre
  • Branche: Internet, e-Commerce
  • Produkt Thema: betterplace.org – Spendenplattform und Marktplatz für soziales Engagement

Was ist deines Erachtens das Schwierigste bei der Erfüllung der Product Owner Rolle?

Das Schwierigste ist häufig das Setzen von Prioritäten. Auf der einen Seite stehen die Stakeholder mit sehr vielen guten Ideen, auf der anderen Seite ein relativ kleines Entwicklerteam. Hier die richtige Entscheidung zu treffen, was auf die Product Roadmap kommt, in der “Icebox” landet oder auf die ganz lange Bank geschoben wird, ist essentiell.

Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Fähigkeiten eines Product Owners?

Die Markt- und Wettbewerbssituation sollte man abstrahieren und die gewonnen Informationen auf das Produkt anwenden können. Man muss in angebrachtem Maße eine Liebe zum Detail haben, darf dabei aber nicht den Gesamtüberblick verlieren.

Welche Softskills sollten bei einem Product Owner besonders ausgeprägt sein?

Ein Product Owner muss sehr kommunikationsstark sein, denn er ist Bindeglied zwischen allen Stakeholdern. Er muss mit allen auf einer Augenhöhe kommunizieren können und so viel Empathie besitzen, sich auf die unterschiedlichsten Menschen einzulassen. Er muss nicht nur in Meetings überzeugen können, sondern immer ein offenes Ohr für Jedermann im gesamten Team zu haben: Welche Bedürfnisse, Probleme oder Wünsche gibt es?

Welche Rolle spielt das Entwicklungsteam bei der Erfüllung deiner Aufgaben?

Meine Aufgabe ist es, Produkte und Anforderungen zu liefern, die valuable, feasible und usable sind. Das geht nur in enger Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsteam. Scrum stellt das Team vor die Herausforderung, dass es keine seitenlangen Spezifikationen gibt, die es abzuarbeiten gilt, sondern sehr viel der Konzeptions- und Spezifikationsarbeit in der direkten Kommunikation erledigt wird. Darauf müssen sich alle  im Scrum Team einlassen, um erfolgreich zusammenarbeiten zu können.

Wie grenzt sich deine Arbeit von der des Scrum Masters ab?

Wir arbeiten bei betterplace seit 1,5 Jahren ohne einen dedizierten Scrum Master und hatten lediglich zur Einführung des Scrum-Prozesses den Luxus eines Vollzeit-Scrum Masters. Daher sind bei uns die Grenzen ein wenig fließend. Wir alle (PO und Entwicklungsteam) schauen gemeinsam darauf, dass der Prozess eingehalten wird, hauen uns gegenseitig auf die Finger und beseitigen Impediments gemeinsam. Geholfen hat uns hier u.a. die Einführung eines „Artefakts”. Zum Beispiel wird einer der Entwickler während des Stand-ups in die Rolle des Scrum Masters befördert. Mit solchen Hilfsmitteln und einem erfahrenen und eingespielten Team ist Scrum meiner Meinung nach auch ohne dedizierten Scrum Master machbar.

Wie organisierst du deine Arbeit, um die fortlaufende Erstellung von Backlog Items aufrecht erhalten zu können?

Zu Beginn eines neuen Backlog Items steht meistens ein Gespräch mit einem Stakeholder oder eine E-Mail. Mehr als eine User Story ist es dann meistens noch nicht. Je näher die Story dann in Richtung Umsetzung kommt, desto konkreter und ausführlicher wird sie beschrieben. Hilfreich sind hier die fest eingeplanten Estimations und Plannings, da hier immer mehr Informationen benötigt werden, um die Story konkreter zu machen.

Scrum stellt hohe Ansprüche an die Rolle des Product Owners. Sind diese deiner Meinung nach zu erfüllen bzw. wo liegen die Herausforderungen?

Ich denke durchaus, dass die Ansprüche zu erfüllen sind. Klar sollte sein, dass es kein 9to5-Job ist, sondern man das Produkt leben und lieben sollte, um erfolgreich zu sein. Eine Herausforderung ist sicherlich, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen: viele Meetings, Stories für die immer laufenden 2-wöchigen Sprintzyklen vorbereiten und das Entwicklerteam betreuen.

Welche Unterstützung hilft dir am meisten bei der Erledigung deiner Aufgaben?

Zuerst natürlich das Entwicklerteam, mit dem eine sehr gute Zusammenarbeit erforderlich ist. Tools die ich zur Organisation meiner Aufgaben verwende sind hauptsächlich Pivotaltracker und Things.

Um Product Owner zu werden, lassen sich viele zertifizieren. Ist es deiner Meinung nach damit getan? Was hat dir geholfen, die Rolle auszufüllen?

Ich habe ebenfalls eine zertifizierte Scrum-Schulung besucht. Nicht, um das Zertifikat zu bekommen, sondern vielmehr, um mehr über die Rolle des Product Owner zu erfahren und zu lernen. Damit ist es allerdings auf keinen Fall getan, es hilft aber andere Product Owner kennenzulernen und über mögliche Probleme zu sprechen und Lösungswege zu diskutieren.

Du kennst die Praxis am Besten – Was sind die 3 schlimmsten Fehler, die man als Product Owner machen kann?

  1. Selber keine Ahnung haben, was die Anforderungen sind oder unvorbereitet in ein Planning/Estimation gehen.
  2. Die Meinung des Anwenders ignorieren – Stichwort Usertesting.
  3. Die Meinung des Entwicklerteams nicht respektieren.

Kann aus deiner Sicht jeder die Rolle des Product Owners besetzen? Wenn nein, warum nicht?

Man muss auf jeden Fall Druck aushalten können und bereit sein, viel Verantwortung zu übernehmen. Man steht 100 Prozent für den Erfolg des Produkts. Trotzdem muss man in der Lage sein, sich unterordnen zu können. Hilfreich ist außerdem, technisches Wissen zu haben, um bei Bedarf Diskussionen im Entwicklerteam über mögliche technische Lösungen mitgestalten zu können.

Backlog Grooming ist ein essentieller Bestandteil von Scrum. Was sind deine Erfolgsfaktoren für die richtige Anwendung?

Das Backlog Grooming ist fester Bestandteil des Terminkalenders und geschieht in ruhiger Stunde vor den Estimation Meetings. Die Sortierung entsteht dabei grob anhand der Roadmap und des Business Values. Erst wenn eine erste Sortierung steht, neue Bugs eingetragen und andere Stories rausgeflogen sind, werden die Items mit dem gesamten Team in Estimation Meetings besprochen und geschätzt.

Was waren die größten Herausforderungen nach dem Wechsel zu Scrum und der Übernahme der Rolle als Product Owner?

Scrum und die Organisation unter einen Hut zu bringen und zum Laufen zu bringen, war sicherlich die größte Herausforderung für unsere Organisation. Die Rolle als Product Owner habe ich übernommen, nachdem ich schon ein Jahr Teil des Entwicklungsteams war. Probleme, das Standing sich erst noch erarbeiten zu müssen, hatte ich Dank meiner tollen Kollegen nicht.

Erzähl doch bitte aus deiner Praxis – Wie gestaltet sich ein normaler Arbeitstag für dich?

Der Tag beginnt mit Emails lesen, Termine und Aufgaben überfliegen, KPI’s checken sowie Küchengesprächen. Danach folgt um 9.30 Uhr das tägliche Stand-up mit dem Entwicklungsteam. Das war’s dann aber auch schon mit der Gleichförmigkeit. Danach folgen unterschiedliche Termine mit Stakeholdern über laufende und zukünftige Projekte oder innerhalb des Produktteams zu Themen wie bspw. Konzept oder Design. Gleichzeitig steht die Tür zu den Entwicklern fast immer offen – bereit für etwaige Rückfragen.

Was ist deine Empfehlung für diejenigen die mit dem Gedanken spielen die Rolle zu übernehmen bzw. die ihre ersten Schritte in der Rolle als Product Owner machen?

Wichtig ist die Entscheidung, ob man bereit ist, so viel Verantwortung zu übernehmen. Darüber hinaus sollte man sich so sehr mit dem Produkt identifizieren können, dass man es in allen Belangen gerne repräsentiert. Wichtige Grundeigenschaften wie Kommunikationsstärke und Belastbarkeit habe ich ja schon im ersten Teil des Interviews herausgestellt. Für die ersten Schritte ist der Kontakt zu anderen (erfahreneren) Product Ownern ratsam, um auftauchende Probleme zu besprechen.

 

Autor: Robert Wiechmann

Robert Wiechmann arbeitet als Agiler Projektmanager vorrangig in der Rolle als Scrum Master und Kanban Coach. Zu seiner Leidenschaft zählen die Arbeit mit Menschen, insbesondere der Aufbau von produktiven Agilen Teams und die praktische Anwendung von Agilen Softwareentwicklungsmethoden. Zusammen mit Sven Röpstorff verfasste er das Buch Scrum in der Praxis.

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