Wer schreit zuerst?

02.03.2010

Totes PferdKennt Ihr das? Ihr sitzt mit einem Kollegen beim Mittagessen und tauscht Euch über Eure Projekte aus. Der Kollege erzählt, dass sein Projekt zwar irgendwie läuft, aber halt auch nur irgendwie. Die Luft ist raus, der anfängliche Enthusiasmus ist täglicher Routine gewichen und der Project Sponsor taucht auch nur noch sporadisch zu den Reviews auf. Das Team fragt sich, wofür es den Zirkus überhaupt noch macht, wird lustlos und unmotiviert, Meetings starten verspätet … Der Kollege überlegt, wie er dem Ganzen wieder etwas Schwung geben kann, wie der den alten Power-Zustand wiederherstellen kann.

Die Literatur bietet natürlich Hilfe. Da ist von gruppendynamischen Prozessen die Rede, Analysen sollen gemacht werden, Teamevents werden die Welt und das Projekt retten … aber ist das Team das Problem? Und kann man das Handlungsfeld nicht zunächst auch einfacher angehen? Als Anhänger des KISS-Prinzips, stelle ich dem Kollegen in so einem Fall gern eine einfache Frage:

Wer schreit zuerst?

Meist werde ich mit großen Augen angesehen, weil sofort die Assoziation des gegenseitigen Anbrüllens entsteht. Aber das meine ich gar nicht, deshalb stelle ich die provokative Frage nochmal etwas detaillierter:

Stell Dir vor, Ihr würdet sofort aufhören zu arbeiten. Du kommst nach dem Mittagessen zurück und würdest den Stakeholdern sagen: “Liebe Kollegen, das Projekt wurde beendet. Wir machen jetzt noch Klarschiff und releasen den letzten Stand. Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit.”. Wer hätte das größte Problem damit, wer würde zuerst schreien? Wer hat noch ein Interesse an dem Projekt?

Nach kurzem Nachdenken kommt der Kollege dann meistens mit dem Namen einer Person oder einer Abteilung raus (der Einfachheit halber gehe ich im Folgenden von einer Person aus). Daran schließen sich weitere Fragen an:

  • Warum ist für diese Person das Projekt wichtig?
  • Ist diese Person Teil des Problems?
  • Was kann diese Person beitragen, dass wieder neuer Schwung in das Projekt kommt?

… und je nach Situation weitere.

Diese Fragen helfen dem Kollegen oft, eine neue Perspektive einzunehmen und neue Ansätze zu finden. Insbesondere wenn die identifizierte Person nicht Teil des Problems ist, kann man ggf. mit ihr gemeinsam Ideen zur weiteren Vorgehensweise entwickeln.

Vielleicht hat der Kollege nach langem Nachdenken auch erkannt, dass niemand schreien würde, wenn das Projekt von heute auf morgen beendet würde. Hervorragend, denn wenn es niemandem wichtig ist, dann kann man das Projekt auch einstampfen und das Team für ein neues Projekt einsetzen. Alle Firmen klagen, dass sie mehr Projekte in der Queue haben als Kapazitäten für die Umsetzung. Warum also tote Pferde reiten, wenn im Stall Vollblüter mit den Hufen scharren?

Wie gut, dass so etwas nur anderen passiert, nie einem selbst :-)

Wie helft Ihr einem Kollegen in dieser Situation?

Autor: Sven Röpstorff

Sven Röpstorff arbeitet freiberuflich als agiler Projektmanager und Coach mit über 16 Jahren Berufserfahrung. Mit seinen Teams probiert er gern neue Wege und Methoden, um sich und sein Umfeld stets weiter zu verbessern. In seinen Vorträgen und Workshops bringt er den Menschen agile Vorgehensweisen auf interessante und spielerische Weise nahe und macht sie somit sichtbar, fühlbar, erlebbar.

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