Lean Workflow Design Game

Vor einigen Wochen sollte ich einen Scrum Basics Workshop für eine Gruppe von Personen in Frankreich halten, die das Ballpoint Game schon kannten und mich stattdessen gebeten hatten, eine andere Übung zu verwenden. Glücklicherweise kannte ich einen anderen Weg, um Scrum zu demonstrieren: Das Lean Workflow Design Game von Nancy Van Schooenderwoert.

Nancy hatte diese Übung auf der Play4Agile 2011 Konferenz in Rückersbach vorgestellt und moderiert. Das Ziel ist es, einen Workflow mit den bekannten agilen Techniken Sprint Planning, Timeboxing und Retrospektive zu erstellen und zu verbessern. Ich habe mir die “offiziellen” Regeln von Nancy besorgt (und werde sie hier verlinken, sobald sie online verfügbar sind). Aufgrund von Zeitbeschränkungen habe ich die Regeln leicht modifiziert und beschreibe in diesem Beitrag meine modifizierte Version. Während des Workshops hatten die Teilnehmer viel Spaß und konnten die zuvor gelernten Inhalte wunderbar anwenden.

Die Vorbereitung

Man benötigt für das Spiel:

  • zwei Kartenspiele mit je 52 Karten mit identischen Rücken (gleiche Farbe, gleiches Muster, etc.)
  • Platz für das Team (z.B. zusammengestellte Tische oder freier Fußboden)
  • eine Stoppuhr
  • eine Tabelle auf einem Flipchart oder Whiteboard mit den folgenden Spalten
    • geschätzte Zeit
    • erreichte Zeit
    • Anzahl Fehler
    • finale Zeit mit Strafsekunden
  • 10 bis 15 Teilnehmer
  • 1 oder 2 Beobachter (sofern verfügbar)

Das Spiel

Ziel:  Das Team soll die 104 Karten folgendermaßen ordnen:

  • 8 Kartenstapel nach Farben (Kreuz, Pik, Herz, Karo) sortiert
  • Das As muss unten liegen, der König oben
  • Karten zwischen As König müssen gemäß ihrem Rang im Spiel angeordnet sein

Man startet eine Runde, indem man dem Team 2 Minuten Zeit gibt, um eine Strategie zu diskutieren (Planning).

Danach

  • fragt man nach einer Schätzung, um das Ziel zu erreichen (“Wie lange braucht ihr?”). Die Schätzung wird in der Tabelle eingetragen
  • fragt man, welche Person das Stop-Zeichen für das Anhalten der Zeit gibt. Der Spielleiter hört ausschließlich auf diese Person

Nachdem man die Antworten bekommen hat,

  • legt man den gemischten Kartenstapel mit den Kartenwerten nach unten auf den Tisch oder Fußboden und startet sofort die Zeit
  • beobachtet man die Teilnehmer beim Ausführen ihrer Strategie, greift aber nicht ein

Sobald die benannte Person das Stop-Zeichen gibt,

  • stoppt man die Zeit und trägt sie in der Tabelle ein
  • prüft man die Kartenstapel auf Fehler (Review). Jeder Fehler wird mit 5 Strafsekunden belegt. Diese Sekunden werden zu der erreichten Zeit hinzugezählt und in der Tabelle eingetragen
Anschließend bringt man das Team dazu, sich über die Wirksamkeit der gewählten Strategie zu unterhalten (Retrospektive), indem man ein paar offene Fragen stellt, zum Beispiel:
  • Wie ist es gelaufen?
  • Was kann man besser machen?
  • Sehen alle das so?

Anschließend gibt man dem Team wieder 2 Minuten Zeit für die Planung, fragt nach der nächsten Schätzung und startet die nächste Runde. Das Spiel wird über 3 bis 5 Runden gespielt, bis das Team glaubt, sich nicht mehr verbessern zu können oder bis die Timebox abgelaufen ist.

Meine Erfahrungen

Runde 1

Mein Team bei diesem Workshop bestand aus 12 Teilnehmern und ich übernahm die Rolle des Spielleiters. Leider konnte sich das Team nicht in der ersten Runde auf eine Schätzung einigen; die Vorschläge bewegten sich zwischen einer und 10 Minuten. Schließlich folgte das Team meinem Vorschlag, ohne eine Schätzung zu starten. Mit dem Ablegen des gemischten Kartenstapels startete ich die Zeit und bekam nach 1:47 Minuten das Stopsignal. Beim Prüfen der Stapel ergab sich ein Fehler, der mit 5 Sekunden bestraft wurde, so dass die finale Zeit 1:52 Minuten war. Durch offene Fragen (s.o.) führte ich das Team in die Retrospektive.

Runde 2

Nach ein paar Minuten gab ich dem Team erneut zwei Minuten für die Planung der nächsten Runde und bekam eine Schätzung von 1:30 Minuten. Ich mischte die Karten und startete die nächste Runde durch Ablegen des Stapels. Diesmal wurde das Team in 1:23 Minuten fehlerlos fertig. Sie waren ziemlich stolz und sahen keinen Bedarf zur weiteren Verbesserung. Erst als ich ihnen den (von Nancy live erlebten) Weltrekord von 26 Sekunden für ein 12-Personen-Team nannte, begannen sie zu diskutieren: “Ja, ok, aber da ist bestimmt auch ein Zufallsfaktor drin”, “Ja, aber bewirkt der Zufallsfaktor tatsächlich einen Unterschied  vom 57 Sekunden? Die waren mehr als dreimal so schnell!”, “Los, kommt, wir probieren es nochmal!”.

Runde 3

Ich gab dem Team wieder  zwei Minuten und diesmal wurde nur noch 1:00 Minute geschätzt. Allerdings hat mein hinterhältiges Alter Ego diesmal zur Verwirrung die 4 Joker mit in den Kartenstapel gemischt und das Team benötigte 1:43 Minuten. Dies war nicht allein durch die Joker bedingt, sondern hauptsächlich durch Missverständnisse. Die ersten 5 Sekunden gingen zum Beispiel verloren, weil das Team nach dem Start (dem Ablegen des Kartenstapels) noch diskutiert hat. Sie waren halt noch keine Timeboxen gewöhnt :) Während der Retrospektive war sich das Team einige, dass die Joker kein ausschlaggebendes Hindernis waren und entschieden sich für eine weitere, letzte Runde.

Runde 4

Die Schätzung des Teams belief sich auf 1:07 Minuten und das Ergebnis waren 1:49 Minuten ohne Fehler. Offensichtlich waren (zumindeste mit diesem Team) heute keine Verbesserungen mehr möglich und da dies die letzte Übung nach einem langen Tag Scrum Training war, haben wir nach dieser Runde aufgehört.

Fortgeschrittene Regeln

Das obige Setup beschreibt (bis auf die Joker) die Basisregeln. Solange das Team noch Energie hat, kann man unterschiedliche Impediments ausprobieren:

  • Benutzung von Trick-Karten (rote Piken, schwarze Herzen, …). Diese müssen natürlich den gleichen Kartenrücken haben wie die anderen Karten
  • Eine Unterhaltung mit jemanden beginnen, der am Workflow beteiligt ist
  • Den Raum abdunkeln
  • Laute Musik anmachen

Wenn ihr diese Übung mögt und sie mit euren Teams ausprobiert, würde ich mich sehr über Feedback mit euren Erfahrungen freuen.

Autor: Sven Röpstorff

Sven Röpstorff arbeitet freiberuflich als agiler Projektmanager und Coach mit über 16 Jahren Berufserfahrung. Mit seinen Teams probiert er gern neue Wege und Methoden, um sich und sein Umfeld stets weiter zu verbessern. In seinen Vorträgen und Workshops bringt er den Menschen agile Vorgehensweisen auf interessante und spielerische Weise nahe und macht sie somit sichtbar, fühlbar, erlebbar.

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